WIR MALEN WIE VAN GOGH – ERNSTHAFT?

Daraus ergibt sich zwangsläufig eine Orientierung am Individuum. Kunstunterricht sollte Lernumgebungen eröffnen, in denen unterschiedliche Fragestellungen, verschiedene Lösungswege und individuelle Entwicklungsverläufe möglich sind. Die Vorstellung, dass alle Schülerinnen und Schüler gleichzeitig dieselbe Aufgabe bearbeiten, dieselben Arbeitsschritte durchlaufen und nach einer festgelegten Zeit zu vergleichbaren Ergebnissen gelangen sollen, widerspricht diesem Grundgedanken. Solche Arrangements mögen organisatorisch einfach erscheinen, sie werden jedoch der Eigenlogik bildnerischer Entwicklungsprozesse nicht gerecht.

Bildnerische Entwicklung verläuft weder linear noch gleichförmig. Manche Kinder arbeiten impulsiv und experimentell, andere planen sorgfältig. Manche entwickeln ihre Vorstellungen über zeichnerische Prozesse, andere über Farbe, Material oder räumliche Gestaltung. Einige benötigen längere Phasen der Erprobung, während andere ihre Ideen schnell konkretisieren. Ein Unterricht, der allen dieselben Wege vorgibt, ignoriert diese Unterschiede und verhindert damit genau jene Entwicklungsmöglichkeiten, die er fördern sollte.

Daraus folgt zugleich, dass professioneller Kunstunterricht einen hohen Grad an Komplexität und Dynamik aufweist. Lehrkräfte müssen unterschiedliche Interessen wahrnehmen, individuelle Lernstände diagnostizieren, geeignete Impulse setzen, Arbeitsprozesse begleiten und auf unerwartete Entwicklungen reagieren können. Die Vielfalt der Lernwege ist dabei kein Problem, das reduziert werden muss, sondern Ausdruck gelingender Bildungsprozesse. Wo alle Ergebnisse gleich aussehen, spricht dies häufig weniger für gelungenen Unterricht als vielmehr für eine starke Steuerung durch die Lehrkraft.

Vor diesem Hintergrund sind vorgefertigte Bildlösungen grundsätzlich kritisch zu betrachten. Nachzuarbeitende Kunstwerke, Bastelvorlagen, Ausmalblätter oder detaillierte Schritt-für-Schritt-Anleitungen reduzieren Schülerinnen und Schüler auf die Rolle von Ausführenden. Die wesentlichen Entscheidungen wurden bereits getroffen: Motiv, Komposition, Farbgebung, Materialeinsatz, Bildaufbau und häufig sogar die Reihenfolge der Arbeitsschritte. Was äußerlich als gestalterische Tätigkeit erscheint, ist in Wirklichkeit oft lediglich das Nachvollziehen fremder Entscheidungen.

Dadurch gehen zentrale Potentiale des Kunstunterrichts verloren. Die Kinder und Jugendlichen müssen keine eigenen Fragen entwickeln, keine bildnerischen Probleme lösen und keine individuellen Entscheidungen treffen. Genau diese Tätigkeiten bilden jedoch den Kern ästhetischer Bildung. Bildnerische Kompetenz entsteht nicht durch das Kopieren fertiger Lösungen, sondern durch das eigenständige Entwickeln, Verwerfen, Überarbeiten und Begründen von Gestaltungen.

Nicht selten entsteht dabei eine paradoxe Situation: Je stärker die Ergebnisse einander ähneln, desto erfolgreicher erscheint der Unterricht nach außen. Die Wände des Schulhauses sind mit ansprechenden Produkten dekoriert, Eltern erkennen die Motive sofort wieder und die Unterrichtsorganisation wirkt effizient. Aus bildungstheoretischer Perspektive ist dies jedoch oftmals problematisch. Sichtbar wird vor allem die Planung der Lehrkraft, nicht die Entwicklung der Schülerinnen und Schüler.

Tatsächlich offenbaren viele dieser Arbeiten weniger die Fähigkeiten der Lernenden als die gestalterischen Vorgaben des Unterrichts. Das Ergebnis illustriert dann nicht die Kreativität eines Kindes, sondern die Qualität einer Anleitung. Die scheinbare Sicherheit solcher Unterrichtsformen wird durch den Verzicht auf echte Offenheit erkauft.

Besonders fragwürdig ist die Tatsache, dass identische Arbeitsformen häufig weit über die Grundschule hinaus fortgeführt werden. Unterrichtsmuster, die bereits im Kindergarten anzutreffen sind, finden sich teilweise bis in die Mittelstufe: Alle basteln denselben Gegenstand, malen dasselbe Motiv oder reproduzieren dieselbe Vorlage. Während sich jedoch die kognitiven, sozialen und ästhetischen Möglichkeiten der Lernenden erheblich weiterentwickeln, bleiben die Anforderungen unverändert niedrig. Die Schülerinnen und Schüler werden dadurch systematisch unterfordert.

Hinzu kommt, dass solche Unterrichtsformen häufig ein problematisches Verständnis von Kunst vermitteln. Kunst erscheint als Nachahmung, nicht als eigenständige Hervorbringung. Künstlerinnen und Künstler werden auf Lieferanten attraktiver Vorlagen reduziert. Die eigentlichen künstlerischen Prozesse bleiben unsichtbar.

Dies zeigt sich exemplarisch in Formulierungen wie „Wir malen heute wie Van Gogh“. Eine solche Unterrichtsidee scheitert aus mehreren Gründen. Zum einen ist das Werk Vincent van Goghs das Ergebnis einer jahrelangen Entwicklung. Seine Bilder sind eng mit biografischen Erfahrungen, persönlichen Krisen, künstlerischen Entscheidungen, intensiver Auseinandersetzung mit der Kunstgeschichte und einer individuellen Wahrnehmung der Welt verbunden. Zum anderen lässt sich ein künstlerischer Zugang nicht auf einzelne formale Merkmale wie bestimmte Pinselstriche oder Farbkontraste reduzieren.

Wenn Schülerinnen und Schüler aufgefordert werden, „wie Van Gogh“ zu malen, lernen sie vielfach lediglich, äußerliche Stilmerkmale zu imitieren. Die eigentliche Frage, weshalb Van Gogh zu seinen Bildlösungen gelangte und wie sich individuelle Ausdrucksformen entwickeln, bleibt unbeantwortet. Gerade das, was Kunst ausmacht, wird ausgeblendet.

Künstlerische Werke können deshalb im Unterricht zwar eine wichtige Rolle spielen, jedoch nicht als Vorlage zur Reproduktion. Ihre Bedeutung liegt vielmehr darin, neue Sichtweisen zu eröffnen, Fragen anzuregen, Problemstellungen sichtbar zu machen oder ungewohnte Lösungen erfahrbar werden zu lassen. Die Begegnung mit Kunst sollte den Horizont eigener Gestaltung erweitern und nicht zu deren Einschränkung führen.

Ein weiteres Argument gegen produktorientierte Unterrichtsformen liegt in ihrem Verhältnis zu Fehlern. Wo das angestrebte Ergebnis bereits feststeht, wird jede Abweichung zum Fehler. Wo hingegen individuelle Lösungen möglich sind, können unerwartete Entwicklungen produktiv werden. Gerade die Fähigkeit, mit Unsicherheit, Zufall und Mehrdeutigkeit umzugehen, gehört zu den zentralen Potentialen ästhetischer Bildung. Ein Unterricht, der ausschließlich auf vorhersagbare Ergebnisse ausgerichtet ist, beraubt die Lernenden dieser Erfahrung.

Zudem fördert standardisierter Kunstunterricht vor allem Anpassungsleistungen. Erfolgreich ist dann, wer die Vorgaben möglichst genau umsetzt. Gefördert wird Konformität, nicht Eigenständigkeit. Kunstunterricht sollte jedoch ein Raum sein, in dem individuelle Sichtweisen sichtbar werden können. Er muss den Mut zur eigenen Idee stärken und nicht die Fähigkeit belohnen, fremde Lösungen möglichst exakt zu reproduzieren.

Letztlich berührt diese Frage den Bildungsbegriff selbst. Bildung bedeutet nicht die Übernahme vorgegebener Muster, sondern die aktive Auseinandersetzung mit Welt und Selbst. Im Kunstunterricht geschieht dies durch bildnerisches Handeln. Kinder und Jugendliche entwickeln Vorstellungen, treffen Entscheidungen, erproben Möglichkeiten, reflektieren Wirkungen und gelangen zu eigenen Ausdrucksformen. Sie bilden sich, indem sie gestalten.

Die zentrale Aufgabe der Kunstlehrkraft besteht daher nicht darin, möglichst schöne oder einheitliche Ergebnisse zu produzieren. Ihre Aufgabe besteht vielmehr darin, Bedingungen zu schaffen, unter denen individuelle bildnerische Entwicklung möglich wird. Dies erfordert Vertrauen in die Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler, die Bereitschaft zur Offenheit sowie die professionelle Kompetenz, unterschiedliche Lernwege zu begleiten.

Ein guter Kunstunterricht erkennt in jedem Kind und in jedem Jugendlichen ein eigenständiges bildnerisches Subjekt. Er fragt nicht: „Wie bringe ich die Klasse dazu, dieses Bild herzustellen?“, sondern: „Welche Erfahrungen, Herausforderungen und Möglichkeiten benötigen diese Schülerinnen und Schüler, um ihre eigenen bildnerischen Fähigkeiten weiterzuentwickeln?“ Erst mit dieser Perspektive wird Kunstunterricht seinem Bildungsauftrag gerecht.